Archiv des Autors: Tante Jay

Herr Tusk und die Menschenrechte

von Tante Jay

Der polnische Regierungschef, Herr Donald Tusk, hat in Polen ein Gesetz durchgebracht, nach dem Sexualstraftäter auch gegen ihren Willen zwangsweise chemisch kastriert werden dürfen.

Herr Tusk hat des Weiteren den Tätern die Menschenrechte abgesprochen und behauptet, dass ein Täter kein Mensch mehr sei und demzufolge seine Menschenrechte auch nicht mehr zu achten seien.

Wäre ich eine polnische Staatsbürgerin, ich würde Herrn Tusk vielleicht den folgenden Brief schreiben: Weiterlesen

Die Forderung nach der Ultima Ratio

Der Name des Verein, MOGiS, steht offiziell für „MissbrauchsOpfer gegen Internet-Sperren“.

Doch es geht um soviel mehr. Es geht in der Tat um nicht weniger als vernünftige Maßnahmen, um Menschen, nicht nur Kinder, vor Übergriffen zu schützen und Opfern solcher Übergriffe wirksam zu helfen.

Und genau das ist das Stichwort. Vernünftige Maßnahmen. Weiterlesen

Die Internetsperren und ihre Kosten

Die offizielle Webseite von MOGiS e.V. ist http://mogis-verein.de/

Oder auch: Was man mit so viel Geld alles hilfreiches machen könnte

Es wird viel davon gesprochen, wie man Missbrauchsopfern helfen kann.

Die Bundesregierung wiederholt gebetsmühlenhaft, dass die Internetsperren, die jetzt gesetzlich vorgeschrieben werden, den Opfern helfen.

Das Argument wurde vielfach widerlegt, es ist nicht mein Ansinnen, auf Gebetsmühlen mit Gebetsmühlen zu antworten. Dennoch:

Laut Herrn Michael Rotert, Geschäftsführer der eco e.V., kostet die Einrichtung der Internetsperren einen Eurobetrag in dreistelliger Millionenhöhe.

Sagen wir mal 100.000.000 Euro.

Wieviele Kinder hätten mit 100 Millionen Euro in den vergangenen vier Jahren gerettet werden können, indem man die Fluchtorte wie Mädchen-, Frauen- oder Männerhäuser und Opferberatungsstellen endlich auf ein tragfähiges Fundament stellt? Wieviel Aufklärung hätte man mit 100 Millionen Euro betreiben können?

Diese und andere Fragen hat – zu Recht – Ralf Schwartz von der  Mediaclinique gestellt.

Nach dem Willen der Bundesregierung werden diese 100 Millionen Euro von den Providern und damit am Ende von den Kunden selber bezahlt.

Die Bundesregierung verhält sich mit dem hingeschluderten Gesetz wie ein Zechpreller, der erst die Party bestellt und dann dem Lieferanten sagt „Nö, das zahl ich nicht, ist zu teuer“.

Und das ist das eigentlich perfide an der ganzen Sache: Die Bundesregierung zwingt den Providern eine gigantische Verpflichtung auf und weigert sich anschließend, dafür gerade zu stehen.

Das ist unfairstes Spiel auf allen Fronten. Frau von der Leyen macht hier Wahlkampf auf Kosten aller.

PS: Einer der Gründe, warum Safe the Children in Australien gegen die Sperren sind, sind die hohen Kosten, die sie lieber in sinnvolle Dinge investiert sehen wollen.

Topfschlagen im Minenfeld

Oder auch: „Über den Umgang mit Missbrauchs-Überlebenden“

Eines vorab: Für mich ist es nicht leicht, das zu schreiben, denn ich weiß nicht wirklich, wie ich es formulieren soll – als Aufruf oder „Lebensbeichte“. Bitte seht daher sprachliche Holperigkeiten nach.

Meine Schwester wurde missbraucht. Dieser Realität musste ich mich erstmals vor 10 Jahren stellen, als sie mit meinen Eltern darüber gesprochen hat und die es dann irgendwann mal nebenbei erwähnten.

Das wurde wirklich in einem Nebensatz untergebracht. Den genauen Wortlaut kenne ich nicht mehr, aber es war etwas wie „achja, der xxx hat Schwesterchen angepackt“.

Das wurde so dermaßen nebenher erzählt, und ich bin auch damit aufgewachsen, dass meine Mutter mir immer Details von ihrem Missbrauch erzählte, dass das für gut 10 Jahre schlafen konnte. Es war einfach so und gut ist. Kein Gedanke daran verschwendet.

Im Februar diesen Jahres ist diese tickende Zeitbombe dann geplatzt. Meine Schwester wurde in den Monaten zuvor schon immer depressiver, was wir vornehmlich auf ihren Freund geschoben haben. Der spielte da auch mit rein und war wohl mehr oder weniger der Auslöser, aber der eigentliche Grund, der Missbrauch, der hatte das Fundament, auf dem sie hätte stehen sollen, zerstört.

Einweisung in die Psychiatrie, zunächst wegen der Suizidgefahr auf die geschlossene Abteilung, danach offene Psychiatrie, aber weiterhin stationär. Seit einigen Wochen ist sie wieder entlassen, doch für mich stellt sich die Frage:

Wie geht man mit jemandem um, der so tiefgreifend verletzt wurde?

Es hat tatsächlich etwas von Topfschlagen im Minenfeld. Man steckt selbst nicht im anderen drin, und weiß nicht, worauf er reagiert. Gerade in der Anfangszeit ist das ein „Learning by painful doing“ – für alle Beteiligten. Für mich, weil ich meiner Schwester wieder wehgetan habe, für sie aus naheliegenden Gründen.

Was man als allererstes akzeptieren muss, ist vielleicht auch das Schwerste. Man verfügt nicht mehr über Handlungsspielräume. Man kann nicht agieren, nur noch reagieren.

Warum?

Missbrauch nimmt Handlungsspielräume weg. Man wird komplett fremdbestimmt. Eine eigenständige Entwicklung der Persönlichkeit gibt es nicht, alles wird vom Täter gesteuert und kontrolliert.

Nimmt man dem Überlebenden diese Handlungsfreiheit jetzt wieder, indem man ihm suggeriert, dass man ja viel besser auf ihn achten könne als er selbst, werden die meisten Therapieerfolge zunichte gemacht. Rückschritt auf Null.

Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit Überlebenden. Aber es gibt Herzenswärme. Zuneigung schenken, aber nicht böse sein, wenn man zurückgewiesen wird. Eine Hand reichen, wenn sie gebraucht wird. Aber auch akzeptieren, wenn diese Hand abgelehnt wird, weil es nicht das ist, was derjenige braucht.

Liebe und Zuneigung haben keinen Anspruch auf Erwiderung. Hier nicht mehr.

Und am allerwichtigsten: Nicht ständig nachfragen, wie es geht, ob man denn schon „drüber weg ist“, und auf Durchhalteparolen der Kategorie „das wird schon wieder“ oder „eh du heiratest, ist alles wieder gut“ verzichten.

Behandelt sie wie andere Menschen auch. Überlebende sind keine Freaks. Sie sind Menschen, die seelische Narben und teilweise offene Wunden tragen, aber sie sind nicht mit einem Makel behaftet. Und sie sind nicht potenziell kriminell, nur weil sie selbst kriminell behandelt wurden.

Meine Schwester ist immer noch meine Schwester. Und sie wird es immer sein und ich versuche, mit dem Menschen umzugehen, nicht mit dem Erlebnis.

Ich glaube fast, mehr braucht es nicht.

Eure Tante Jay