Topfschlagen im Minenfeld

Oder auch: „Über den Umgang mit Missbrauchs-Überlebenden“

Eines vorab: Für mich ist es nicht leicht, das zu schreiben, denn ich weiß nicht wirklich, wie ich es formulieren soll – als Aufruf oder „Lebensbeichte“. Bitte seht daher sprachliche Holperigkeiten nach.

Meine Schwester wurde missbraucht. Dieser Realität musste ich mich erstmals vor 10 Jahren stellen, als sie mit meinen Eltern darüber gesprochen hat und die es dann irgendwann mal nebenbei erwähnten.

Das wurde wirklich in einem Nebensatz untergebracht. Den genauen Wortlaut kenne ich nicht mehr, aber es war etwas wie „achja, der xxx hat Schwesterchen angepackt“.

Das wurde so dermaßen nebenher erzählt, und ich bin auch damit aufgewachsen, dass meine Mutter mir immer Details von ihrem Missbrauch erzählte, dass das für gut 10 Jahre schlafen konnte. Es war einfach so und gut ist. Kein Gedanke daran verschwendet.

Im Februar diesen Jahres ist diese tickende Zeitbombe dann geplatzt. Meine Schwester wurde in den Monaten zuvor schon immer depressiver, was wir vornehmlich auf ihren Freund geschoben haben. Der spielte da auch mit rein und war wohl mehr oder weniger der Auslöser, aber der eigentliche Grund, der Missbrauch, der hatte das Fundament, auf dem sie hätte stehen sollen, zerstört.

Einweisung in die Psychiatrie, zunächst wegen der Suizidgefahr auf die geschlossene Abteilung, danach offene Psychiatrie, aber weiterhin stationär. Seit einigen Wochen ist sie wieder entlassen, doch für mich stellt sich die Frage:

Wie geht man mit jemandem um, der so tiefgreifend verletzt wurde?

Es hat tatsächlich etwas von Topfschlagen im Minenfeld. Man steckt selbst nicht im anderen drin, und weiß nicht, worauf er reagiert. Gerade in der Anfangszeit ist das ein „Learning by painful doing“ – für alle Beteiligten. Für mich, weil ich meiner Schwester wieder wehgetan habe, für sie aus naheliegenden Gründen.

Was man als allererstes akzeptieren muss, ist vielleicht auch das Schwerste. Man verfügt nicht mehr über Handlungsspielräume. Man kann nicht agieren, nur noch reagieren.

Warum?

Missbrauch nimmt Handlungsspielräume weg. Man wird komplett fremdbestimmt. Eine eigenständige Entwicklung der Persönlichkeit gibt es nicht, alles wird vom Täter gesteuert und kontrolliert.

Nimmt man dem Überlebenden diese Handlungsfreiheit jetzt wieder, indem man ihm suggeriert, dass man ja viel besser auf ihn achten könne als er selbst, werden die meisten Therapieerfolge zunichte gemacht. Rückschritt auf Null.

Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit Überlebenden. Aber es gibt Herzenswärme. Zuneigung schenken, aber nicht böse sein, wenn man zurückgewiesen wird. Eine Hand reichen, wenn sie gebraucht wird. Aber auch akzeptieren, wenn diese Hand abgelehnt wird, weil es nicht das ist, was derjenige braucht.

Liebe und Zuneigung haben keinen Anspruch auf Erwiderung. Hier nicht mehr.

Und am allerwichtigsten: Nicht ständig nachfragen, wie es geht, ob man denn schon „drüber weg ist“, und auf Durchhalteparolen der Kategorie „das wird schon wieder“ oder „eh du heiratest, ist alles wieder gut“ verzichten.

Behandelt sie wie andere Menschen auch. Überlebende sind keine Freaks. Sie sind Menschen, die seelische Narben und teilweise offene Wunden tragen, aber sie sind nicht mit einem Makel behaftet. Und sie sind nicht potenziell kriminell, nur weil sie selbst kriminell behandelt wurden.

Meine Schwester ist immer noch meine Schwester. Und sie wird es immer sein und ich versuche, mit dem Menschen umzugehen, nicht mit dem Erlebnis.

Ich glaube fast, mehr braucht es nicht.

Eure Tante Jay

3 Antworten zu “Topfschlagen im Minenfeld

  1. Gut geschrieben. Ich denke, dieser Problematik stehen viele Menschen gegenüber. Nicht nur die unmittelbar Betroffenen sollten sich in solchen Momenten professionelle Hilfe holen, sondern auch diejenigen, die täglich mit ihnen umgehen müssen/wollen. Ich verstehe es eher als Aufruf.

  2. Danke für diese Worte, danke für den Denkanstoß.

    Und am allerwichtigsten: Nicht ständig nachfragen, wie es geht, ob man denn schon “drüber weg ist”, und auf Durchhalteparolen der Kategorie “das wird schon wieder” oder “eh du heiratest, ist alles wieder gut” verzichten.

  3. Wobei ich die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie (hier: Düsseldorf-Grafenberg) nicht als hilfreich bei Depressionen, sondern eher noch als depressionsverstärkend, ja Suizidgefahr verstärkend empfunden habe und für jemanden, der eigentlich Herzenswärme benötigt, absolut nicht empfehlen kann. Ich würde mich nächstes Mal jedenfalls mit allen und auch brutalen Mitteln dagegen wehren, dort noch einmal hingebracht zu werden. Das völlige Abschneiden von der Außenwelt bei gleichzeitigem massivem Aufdrängen von Drogen (hier: Tavor; und nein, ich hab den Dreck nicht genommen) empfinde ich nicht als Hilfe.

    Gruß, Frosch (keine Überlebende, aber die chronische mittelgradige Depression reicht mir auch so …)

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